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10. Juni 2021

Auswirkungen der Pandemie auf Familien – eine Bestandsaufnahme

Nach mittlerweile mehr als einem Jahr Spagat zwischen Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit lohnt es sich, einen Blick auf die Auswirkungen, weiterhin bestehende Herausforderungen und Verbesserungsmöglichkeiten zu werfen. Standen wir im Frühjahr letzten Jahres noch vor einer Situation, die völlig unerwartet über uns hereinbrach und von der wir dachten, dass sie allenfalls wenige Monate anhalten wird, haben wir mittlerweile gelernt, dass es noch für eine Weile keine Planungssicherheit geben wird. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Betreuung von Kindern in Schule, Kindertagesstätte, Kindergarten, Hort, die Betreuung von zu pflegenden Angehörigen in den entsprechenden Einrichtungen und führt unweigerlich zu Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Bereits im Juli 2020 forderte die Landesfrauenvertretung des NBB die entsprechenden Frauenvertretungen der Mitgliedsverbände auf, Fragen zur Systemrelevanz in Corona Zeiten und zu den damit verbundenen Herausforderungen für Frauen und Familien zu beantworten. Dankenswerterweise erreichten die Landesbeauftragte für Familie und Gleichstellung zahlreiche Rückmeldungen hierzu, die in diesen Artikel mit einfließen.

Doppelbelastung für Familien

Zum Zeitpunkt der Befragung war nicht absehbar, dass die Belastungen einhergehend mit dem pandemiebedingten Shutdown im März 2020 auch ein Jahr später noch bestehen werden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten ist schon unter Normalbedingungen anspruchsvoll.  Seit Beginn der Pandemie kommen noch weitere Herausforderungen hinzu, wie die unstete und nicht längerfristig planbare Betreuungssituation für Kinder und pflegebedürftige Angehörige, sowie das Thema Homeschooling.

Die Arbeitsplätze bei der Polizei werden generell als systemrelevant eingestuft, was allerdings nicht zwangsläufig zur Folge hat, dass ein Betreuungsplatz in vollem Umfang zur Verfügung steht. In Bezug auf das Stattfinden von Präsenzunterricht gab es zu unterschiedlichen Zeiten landesspezifische und von der Klassenstufe der Schüler abhängige unterschiedliche Regelungen. Unabhängig davon besteht die Erwartung, den dienstlichen Verpflichtungen im vollen Umfang nachzukommen, was in der Regel nur unter größten Kraftanstrengungen gewährleistet werden kann und Druck erzeugt. Spätestens dort, wo eine Betreuungsmöglichkeit durch andere Personen wie z.B. Großeltern, die im Übrigen in der Regel eine Risikogruppe aufgrund ihres Alters darstellen, nicht möglich ist, müssen flexible und individuelle Lösungen gefunden werden.

Die Option mobil oder im Home Office Dienst zu versehen, wurde in den letzten Monaten stetig ausgebaut, insbesondere im Hinblick auf die technische Ausstattung. Allerdings ist der Bedarf längst nicht gedeckt, vielerorts müssen kreative Lösungen gefunden werden, oder auf die Alternative der Beantragung von Sonderurlaub zurückgegriffen werden.

Die Entscheidung über die Möglichkeit zur Dienstverrichtung in Form des mobilen Arbeitens, im Home Office und der Umsetzung flexibler Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle obliegt den Dienststellen und wird unterschiedlich gehandhabt. Vorgesetzten kommt in Zusammenhang eine große Bedeutung zu.

Rollenverteilung

Soziologinnen und Soziologen haben zur Rollenaufteilung in Zeiten der Corona-Krise widersprüchliche Aussagen zusammengetragen. So kümmern sich Frauen während des Lockdowns verstärkt um die Bedürfnisse der Familienmitglieder, haben häufiger berufliche Aufgaben zurückgestellt, um die fehlenden Betreuungsmöglichkeiten aufzufangen und das Homeschooling zu übernehmen.

Die Befragung unserer Mitglieder hat ebenfalls ergeben, dass Frauen die Hauptlast in Bezug auf die Familienarbeit und damit die klassische Rolle während der Pandemie übernommen haben. Insbesondere für Alleinerziehende stellt diese Zeit eine große Herausforderung das.

Eine weitere Entwicklung wurde seitens der Soziologinnen und Soziologen festgestellt, die sich ebenfalls in den Antworten unserer Kolleginnen und Kollegen wiederfindet. In einigen Haushalten haben sich Väter deutlich mehr in die Familienarbeit eingebracht, insbesondere wenn beide im Home Office arbeiteten.

Es gibt viele Paare, von denen beide bei der Polizei Niedersachsen beschäftigt sind und die sich, je nach Tätigkeit, die Betreuungsaufgaben aufgeteilt haben. Allerdings wird es von vielen als Spagat beschrieben, den Ansprüchen der Familie und der Arbeitgeberseite gerecht zu werden. Kolleginnen und Kollegen mussten und müssen sich die Klinke in die Hand geben, um alles unter einen Hut zu bekommen. Gemeinsame Wochenenden gibt es teilweise nicht mehr, was zu einer Belastung in der Partnerschaft führt.

Bereits im Juli 2020 wurde die vorherrschende Situation von Eltern als erschöpfend und ermüdend empfunden und es bestanden Zweifel, diese Situation noch lange durchzuhalten ohne gesundheitlich Schaden zu nehmen.

Home Office und Kinderbetreuung

Die Digitalisierung und die Flexibilisierung in Form kreativer Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle ist aufgrund der Pandemie in Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten und beschert uns einen Einstieg in eine neue Arbeitswelt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Care-Arbeit kann damit besser gelingen, wenn Betreuungszeiten wieder gesichert sind und ein Homeschooling nicht mehr erforderlich ist. Auch in Zeiten der Pandemie ist es hilfreich, wenn Fahrzeiten zum Dienstort wegfallen und die Anwesenheit zu Hause eine anderweitige Betreuung zumindest zeitweise entbehrt. Ein weiterer Ausbau der Möglichkeiten ist in jedem Fall zu unterstützen. Allerdings sollte es außerhalb von pandemiebedingten Erfordernissen keine Verpflichtung zum Arbeiten im Home Office geben.

Allerdings ist es nicht die Idee der Arbeit im Home Office, dass nebenbei Kinder betreut werden und Homeschooling unterstützt wird. Die Anwesenheit nahezu aller Familienmitglieder im Home Office bringt ebenfalls Schwierigkeiten mit sich, sich ungestört den dienstlichen Aufgaben zu widmen. Dass in diesem Fall keine uneingeschränkte Arbeitsleistung zu jeder Zeit erwartet werden kann, liegt auf der Hand. Von Kolleginnen und Kollegen mit betreuungsbedürftigen Kindern kann nicht das gleiche Maß an Arbeitsvolumen erwartet werden, wie von ledigen Mitarbeitenden.

Eine längere und unregelmäßige Abwesenheit von der Dienststelle birgt zudem die Gefahr, bestimmte Informationen nicht zu bekommen und die Anbindung an die Dienststelle zu verlieren. Die Arbeit im Home Office setzt außerdem eine Modernisierung der Führungskultur voraus, die auf Vertrauen fußt. Digitales Führen fordert ein Umdenken in Bezug auf Transparenz, Informationssteuerung und Einbeziehung von Mitarbeitenden.

Auswirkungen auf die Gleichstellung

Durch die Abwesenheit von der Dienststelle wegen Dienstverrichtung im Home Office oder erforderlichem Sonderurlaub aufgrund von Betreuungsengpässen besteht die Gefahr, in der vorherrschenden Präsenzkultur nicht wahrgenommen zu werden. Dies kann sich negativ auf den weiteren dienstlichen Werdegang und die Karriereentwicklung auswirken, wenn z.B. bei fehlender Anwesenheit, Sonderaufgaben verteilt oder Arbeitsgruppen besetzt werden. Informationsdefizite können zu einem Qualitätsverlust der Arbeit führen.

Da derzeit noch insbesondere Frauen die Sorgearbeit erledigen und häufig in Teilzeit tätig sind, sind die Folgen der Pandemie für sie besonders nachteilig und wirken sich somit auf die gleiche Teilhabe von Frauen und Männern in der Erwerbsarbeit aus. Sollte es durch die Auswirkungen der Corona Krise erforderlich geworden sein, die Arbeitszeit zu reduzieren oder eine Erhöhung nicht umsetzen zu können, hat dies wiederum Auswirkungen auf Pensionsansprüche.

Wege zur Verbesserung

Welche Möglichkeiten gibt es, um die derzeit durch die Corona Pandemie bestimmte Situation ansatzweise zu verbessern? Auch hierzu gab es etliche Vorschläge bei der Befragung unserer Mitglieder, die im folgenden Einfluss gefunden haben.

Trotz des Ausbaus der Flexibilität in Bezug auf Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle wird die Unterstützung der Eltern durch die Dienststellen teilweise als verbesserungswürdig befunden.  So scheint die flexible Möglichkeit der Arbeitszeitgestaltung nicht überall dort verfügbar zu sein, wo diese benötigt wird. Satellitenarbeit (die temporäre Dienstverrichtung auf einer wohnortnahen Dienststelle) sollte kurzfristig befristet und lageorientiert ermöglicht werden. 

Die Erweiterung der technischen Möglichkeiten für mobiles Arbeiten bzw. das Arbeiten im Home Office erscheint erforderlich und zukunftsfähig. So sparen wegfallende Anfahrtswege zur Dienststelle Zeit, die für eine Erhöhung von Arbeitszeit bei Teilzeitkräften ebenso genutzt werden kann, wie für die Familienarbeit. Telefonschalt- und Videokonferenzen bringen weniger Dienstreisezeiten mit sich und stehen für andere dienstliche Tätigkeiten zur Verfügung.

Es ist wichtig, eine familienfreundliche Arbeitskultur zu etablieren, in der Leistung nicht mit Arbeitszeit gleichgesetzt wird und Vertrauen in die Mitarbeitenden vorhanden ist. Die ausgewogene Berücksichtigung der individuellen und dienstlichen Belange ist ebenfalls von Bedeutung. Führungskräfte sollten in Bezug auf die Herausforderungen, die das Führen aus der Ferne mit sich bringt, unterstützt werden. Viele internationale Unternehmen bringen einen großen Erfahrungsschatz mit sich, was digitales Führen anbetrifft, auf den an dieser Stelle zurückgegriffen werden könnte.

Das Thema Gleichstellung darf nicht aus dem Blick geraten und die Abwesenheiten von der Dienststelle durch Dienstverrichtung im Home Office oder die Inanspruchnahme von Sonderurlaub darf zu keinem Nachteil führen. Es gilt die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen weiter konsequent abzubauen.

Die Unterstützung der Eltern durch den Staat wird als verbesserungswürdig empfunden, politische Verantwortung darf nicht in die private Dimension verschoben werden. Die gesellschaftliche Relevanz und gleichstellungspolitische Bedeutung von Sorgearbeit sollte hervorgehoben werden. Es braucht konkrete Unterstützungsangebote, die es Familien erleichtern, private Sorgelasten fair aufzuteilen.

Der Fokus sollte sich außerdem darauf richten, den negativen Auswirkungen der Pandemie klare Maßnahmen entgegenzusetzen, damit die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern insbesondere bei der Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit nicht größer wird, sondern kleiner. Dabei wäre die Einführung bzw. Umsetzung eines Gender Budgetings sinnvoll, um sichtbar zu machen, wie sich politische (finanzielle) Entscheidungen, auf die Geschlechter auswirken. Die entsprechende Folgenabschätzung sollte in die Entscheidung über Maßnahmen und deren Umsetzung einbezogen werden.

Resümee

Die Auswirkungen der Pandemie sind vielfältig und bringen Familien an ihre Belastungsgrenzen. Für die Dienststellenverantwortlichen besteht die Möglichkeit, Druck zu reduzieren und individuelle Belange im Kontext dienstlicher Erfordernisse zu berücksichtigen. Es ist wichtig, dass die Politik Voraussetzungen schafft, um Sorgearbeit unter Pandemiebedingungen zu ermöglichen, ohne dass am Ende dauerhaft vorhandene Belastungen zu gesundheitlichen Schäden führen und das Thema Gleichstellung nachteilig beeinflusst wird.

Die Möglichkeit von Impfungen gegen das Corona Virus lassen uns hoffen, dass die Pandemie uns nicht mehr allzu lange in Schach hält und wieder etwas Normalität zurückkehrt. Wir als Gewerkschaft stehen Euch in dieser Zeit zur Seite! Bleibt gesund!

 

Sarah Baschin, Vorsitzende AK Familie und Gleichstellung